Deserteure unterm Hakenkreuz - Leben mit der Fahnenflucht

Veröffentlichungsdatum Geschrieben von Detlef Peikert

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Ludwig Baumann 2003 in Mittenwald, Foto: indymedia
Am vergangenen Montag zeigte die VHS Aachen den Film "Deserteure unterm Hakenkreuz - Leben mit der Fahnenflucht" und bot anschließend Gelegenheit zur Diskussion mit Ludwig Baumann.

Der 86-jährige Ludwig Baumann ist einer der wenigen noch Lebenden von geschätzten 100.000 fahnenflüchtigen und zum Tode verurteilten Wehrmachtssoldaten, seit einigen Jahren ist er der Vorsitzende der "Vereinigung Opfer der Militärjustiz".

Als er im März diesen Jahres den geachteten Bremer Friedens- und Kulturpreis der Villa Ichon erhalten hat, nannte Klaus Hübotter vom Vorstand der Freunde und Förderer der Villa Ichon es ein "politisches Glück", den Preis einem Mann überreichen zu können, der in seinem Leben zwei Siege errungen habe: über eine pervertierte Militärjustiz und eine unverständige Nachkriegsgesellschaft, für die Deserteure schlicht "Vaterlandsverräter" gewesen seien. Film und Diskussion stellten diese zwei Siege - und den hohen Preis, den Ludwig Baumann dafür zahlen mußte, eindringlich vor.

"Flucht von der Fahne"

Ludwig Baumann war als Wehrmachtssoldat im besetzten Frankreich in Bordeaux stationiert, als er mit einem Kameraden in Wochenschaubildern hunderttausende unterversorgte sowjetische Kriegsgefangene sah. Er ahnte, diese Menschen sind zum Tode durch Hungern und Erfrieren, durch Zwangsarbeit und Erschiessungen verurteilt und wollte an diesen Verbrechen nicht mitschuldig werden. Mit einem Kameraden entschloss er sich zur Flucht über Vichy-Frankreich und Marokko in die USA. Sie entwendeten Waffen aus dem eigenen Arsenal, doch als sie schon am ersten Abend von einer Zollstreife gestellt wurden, brachten sie es nicht über sich, sich mit Waffengewalt freien Weg zu verschaffen und wurden verhaftet.

"Die Flucht von der Fahne ist und bleibt das schimpflichste Verbrechen, das der deutsche Soldat begehen kann"

hieß es in der Urteilsbegründung - Todesstrafe. Baumann saß 10 Monate in der Todeszelle. Jeden Morgen erwartete er seine Hinrichtung. Jeden Morgen quälte den 20jährigen die Aussicht, umgebracht zu werden, 300 Tage lang. Sein einflußreicher Vater hatte eine Begnadigung zu 12 Jahren erwirkt Zuchthaus erwirkt, doch Baumann ließ man immer noch Monate in der Todeszelle schmachten. Als Baumann am letzten Montag in der Volkshochschule dieses Erlebnis berichtete, konnten die Zuhörerinnen und Zuhörer immer noch seine damalige Verzweiflung und Angst nachfühlen.

Es folgten grausame Jahre im KZ Esterwege, in Torgau und dann Ostfronteinsatz in einem der berüchtigten Strafbataillone. 20.000 der 30.000 Deserteuere wurden sofort standrechtlich erschossen. Baumann hatte Glück. Doch auch die meisten nicht hingerichteten Deserteure waren zum Tod verurteilt, nur ungefähr 4.000 Deserteure überlebten KZ und Strafbatallion gemäß Hitlers Weisung "Der Soldat kann sterben, der Deserteur muß sterben". Es war der erwähnte erste Sieg Baumanns, zu diesen Überlebenden zu zählen.

Schmähungen in der BRD

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Karriere in der BRD: Militärrichter Filbinger, Foto: indymedia
Die folgenden Jahre in der Bundesrepublik mit kaltem Krieg und Restauration der kapitalistischen Verhältnisse waren für Baumann eine Tortur. Militärrichter wie Filbinger, die Zehntausende von Todesurteilen gefällt hatten, haben nach 1945 noch große Karrieren gemacht. Nicht ein einziger ist verurteilt worden. Viele sind Staatsanwälte geworden. Manche wurden Bundesrichter. Sie saßen im Justizministerium und haben sogar eine Rolle bei der Wiedergutmachungsgesetzgebung gespielt. Die NS-Opfer wie die Deserteure stießen direkt auf ihre alten Verfolger.

In diesem Klima gab es keinen Raum zur Anerkennung der Deserteure. Sie waren und blieben geächtet. Baumann war ein gebrochener Mann und verfiel dem Alkohol. Heute sprach er nicht mehr von der Anstrengung, aus diesem tiefen seelischen Loch herauszukommen, aber irgendwie schaffte er es und und kämpfte als Vorsitzender der von ihm mit gegründeten "Vereinigung Opfer der Militärjustiz" um die volle Rehabilitierung der Deserteure.

Unmengen Schmäh- und Drohbriefe bewiesen ihm immer wieder aufs Neue, wie wenig die deutsche Gesellschaft aus Krieg und Militarismus gelernt hatte.

"Seien Sie versichert, Volksschädling Baumann, daß Sie sich für alles alsbald vor dem Reichskriegsgericht in Berlin zu verantworten haben. () Was Sie zu erwarten haben, ist klar. Nehmen Sie vorher Zyankali, dies erspart Ihnen Nerven und der alsbald wieder funktionierenden reichsrechtlichen Justiz und dem Herrn Reichs-Finanzminister etliche Reichsmark. Mit deutschem Gruß"

das war einer der wenigen Drohbriefe mit vollem Absender, die meisten derjenigen, die Baumann und den Deserteuren Feigheit vorwarfen, schrieben anonym.

Zweiter Sieg

Baumann sollte seinen zweiten Sieg erleben. Am 15. Mai 1997 dekretierte der Deutsche Bundestag endlich:

"Der Zweite Weltkrieg war ein Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen."

Die Urteile der Wehrmachtjustiz wurden für Unrecht erklärt, die Deserteure waren gesellschaftlich rehabilitiert, die juristische Rehabilitierung folgte dann 2002.

Nicht aufgehoben ist bis heute der Straftatbestand des "Kriegsverrats". Der trat z. B. in Kraft, wenn ein Soldat sich weigerte, Juden zu verraten oder Zivilisten vor Vernichtungsaktionen der Wehrmacht warnte. Auch die heutige sozialdemokratische Bundesjustizministerin Zypries lehnt es nach wie vor ab - wie Ludwig Baumann berichtete -, in dieser Sache aktiv zu werden. Baumann weiß auch, warum: Weil der Umgang mit Desertation und "Kriegsverrat" immer eine aktuelle Frage ist. Wenn aus der Zeit des Hitlerfaschismus "Kriegsverrat" rehabilitiert und nachträglich legitimiert sei, dann müsse schließlich auch "Verrat" am völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien 1999 legitim sein - und genau das will keine Bundesregierung, die in ihren einschlägigen aussen- und verteidigungspolitischen Dokumenten die Option auf Kriegseinsätze offenhält.

So wundert es nicht, wenngleich Wehrmachtsdeserteuere heute rehabilitiert sind, ist Desertation nach wie vor geächtet. Weder erhalten US-amerikanische Soldaten, die in Deutschland - der wichtigsten ausser-amerikanischen Drehscheibe für die US-Kriege - desertieren, Rechtschutz, noch wird Desertation als Fluchtgrund in Asylbewerberverfahren anerkannt.

Ludwig Baummann beeindruckte durch seine körperliche und geistige Fitness. Bei Auftritten in Schulen und Veranstaltungen will er dazu beitragen, Krieg zu ächten. Das heißt für ihn die volle Anerkennung von Desertation auch heute und die Anerkennung und Förderung von "Verrat des Krieges". Er wünscht sich heute nichts sehnlicher, äußerte er im Gespräch mit dem Autor, als eine große Demonstration am 15. September in Berlin, die den Bundestag unter Druck setzt, die Bundeswehr aus Afghanistan abzuziehen.

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