"Indiens 11. September"?

Veröffentlichungsdatum Geschrieben von Tobias Bader
Die indische Finanz- und Kulturmetropole Mumbai wurde in der Zeit vom 26. bis 29. November 2008 zum Schauplatz von Attentaten, über deren Motive sehr viel spekuliert wird. Es gibt dazu jedoch nach wie vor wenig gesicherte Erkenntnisse. Während dieser 60 Stunden herrschte in Indien der mediale Ausnahmezustand. Der „Krieg gegen Mumbai" dominierte die Tageszeitungen, Nachrichtensender und Boulevardblätter. Nicht nur indische News Channels wie NDTV, Star News Indien (der wie Fox News zum Murdoch-Imperium zählt) und CNN-IBN, der indische Ableger von CNN international, sondern auch ein Großteil der internationalen Berichterstattung stürzte sich auf die Ereignisse, die sodann mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in einen Zusammenhang gestellt wurden. Fortan wurde in den Medien - fern jeglicher politischer und moralischer Verhältnismäßigkeit - über „Indiens 11. September", India's 9/11, schwadroniert. Auch die „Mutter" aller Nachrichtenkanäle und Speerspitze des investigativen embedded journalism, der US-amerikanische Sender CNN, beteiligte sich eifrig an der Betroffenheits-und Emotionalisierungskampagne. Die Berichterstattung hätte dramatischer nicht sein können: CNN ließ in Endlosschleifen das brennende Luxushotel Taj Mahal Palace, die darum postierten Spezialkräfte des indischen Militärs und die durch lärmende Gewehrsalven und Granatbeschuss verängstigt umherschauenden CNN-ReporterInnen über die Bildschirme flimmern. Mumbaikars, wie sich die BewohnerInnen von Mumbai in der Regionalsprache nennen, die das Geschehen am Tatort verfolgten, durften hier allenfalls als Mob außer Rand und Band in Erscheinung treten, der sich in der emotional aufgeladenen Situation aufgebracht um die Reporterin drängte. Auch dieser Vorfall wurde von CNN ausgeschlachtet und den Zuschauern in einer folgenden Sendung mit dem programmatischen Titel BackStory in voyeuristischem Stil á la „hinter den Kulissen" serviert.

Ausführliche Interviews blieben den „wirklich" betroffenen, westlichen Touristen vorbehalten, die es irgendwie schafften, den Attentaten zu entgehen. In aller Breite wurden deren Erlebnisse, persönliche Gefühle und Todesängste ausgerollt. Der Übergang von den Breaking News -mittlerweile auf endlose full coverage gestreckt- in die Gefilde des Klatsch und Tratsch gestaltete sich auch in diesem Fall fließend, indem der bekannte Talkshow-Gastgeber Larry King in seiner täglichen Runde den Esoterik-Guru Deepak Chopra zu den Attentaten und Reaktionen der indischen Regierung befragte. Chopra, der in Indien geboren wurde, jedoch seit Langem in den USA lebt, ist bis dato noch nicht als Experte auf dem Feld der Terrorismusanalyse in Erscheinung getreten.

Die allgemeine Weichspülung wurde nur noch durch die Desinformation und Ignoranz einiger TV-JournalistInnen übertroffen: Während eine Nachrichtensprecherin von NDTV sich zu der Behauptung verstieg, die Stadt sei von Terroristen „übernommen" worden, wiederholte die CNN-Reporterin Kyra Phillips gebetsmühlenartig, im „Land des Mahatma Gandhi, der Gewaltlosigkeit und der Meditation" seien solche gewalttätigen Vorkommnisse doch eigentlich unvorstellbar. Offenbar hatte ihr Yoga- und Wellnessurlaub in Indien einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Ein sehr differenzierter Bericht zur aktuellen Lage an der Terror-Front kam hingegen von der NDTV-Reporterin Shaili Chopra in Form eines Reporter's Diary, das dem dichotomen Weltbild eines George W. in nichts nachzustehen schien: "We lie on the floor. Our hands have mikes, theirs have guns." Warum auch die ZuschauerInnen durch tiefgehende Analysen unnötig verwirren? Diesem Motto folgte auch CNN, indem es weite Teile der sensationalistischen Berichterstattung des indischen Tochtersenders CNN-IBN unkommentiert übernahm. Die Bilder des brennenden Taj Mahal Hotel liefen hier noch immer, während andere Quellen bereits vom gelöschten Brandherd berichteten. Unter die dramatischen Bilder aus Mumbai mischte sich zudem Filmmaterial über die nahezu zeitgleichen Proteste in Thailand, ohne dass diese offensichtlichen Fehlinformationen von den Kommentatoren entschuldigt worden wären.

Die Berichterstattung, ganz der Logik des „Spektakels" folgend, glänzte in weiten Teilen durch die Abwesenheit von Hintergrundanalysen und alternativen Deutungsversuchen. So stieß die Medienmeute in das Horn des indischen Außenministers Pranab Mukherjee, der sogleich Öl ins Feuer goss, indem er mit dem Finger auf Pakistan zeigte und „bestimmte Elemente" in Pakistan für die Taten verantwortlich machte. Diese Anschuldigung wurde von indischen Medien dankbar aufgegriffen und Teile des pakistanischen Staatsapparates (gemeint war der Geheimdienst ISI) ebenfalls als mögliche Hintermänner bezeichnet. Auf der Medien-Liste üblicher Verdächtiger durfte natürlich auch die al-Qaida („There is increasing evidence that...") und die mit ihr angeblich in Verbindung stehenden Gruppen nicht fehlen: Mutmaßungen gingen in Richtung Kaschmir und unterstellten eine Verwicklung der militanten Gruppe Lashkar-e-Taiba, die angeblich auch aus Pakistan heraus operiere.

Zweifel an den vorschnellen Schuldzuweisungen scheinen berechtigt. Kritiker des aktuellen Medienzirkus um die Mumbai Attacks wie der britische Historiker Tariq Ali halten die Schuldigen keineswegs für ausgemacht. Ali verweist darauf, wie auch die jetzige pakistanische Regierung, die genannten Gruppen seien eine Gefahr für Pakistan und Indien gleichermaßen, der nur durch kooperatives Vorgehen begegnet werden könne. Pakistan könne daher kein Interesse an einer weiteren Destabilisierung der politischen Lage haben. Zudem merkt Ali an, dass bisher ungewiss ist, ob Lashkar-e-Taiba, die bei früheren Attentaten die Urheberschaft sehr schnell für sich beanspruchte, tatsächlich in die jüngsten Anschläge involviert ist. Im Falle der Mumbai Attacks weist sie nämlich eine Beteiligung ausdrücklich zurück.

Es gibt andere Spuren, die ebenfalls verfolgt werden sollten, auch wenn sie weniger in das massenmedial aufbereitete Feindbild passen: Mafia-Kreise um den „Don aus Mumbai", Dawood Ibrahim, könnten, so geben Insider zu bedenken, zumindest logistisch und finanziell beteiligt gewesen sein. Ebenso werden die Anschläge hindunationalistischen Gruppierungen in die Hände spielen. Die aufgeheizte Stimmung gegen „die Muslime" stärkt ihrer Propaganda von der vermeintlichen Zersetzung des reinen Hindustan durch „muslimische Extremisten" den Rücken. Auch wird es ihnen genützt haben, dass bei den Anschlägen der Leiter der Anti-Terror-Einheit von Mumbai, Hemant Karkare ermordet wurde. Der ermittelte gegen eine Verschwörung ranghoher Militärs und rechtsextremen Hindu-Gruppierungen im Zusammenhang mit Bombenanschlägen in Westindien im September 2008, den Malegaon Bombings. Karkare stand ganz oben auf deren Todesliste.

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