Mit der Reichsbahn in den Tod

Veröffentlichungsdatum Geschrieben von Andrej Hunko
Bürgerinitiativen in mehr als zehn deutschen Städten rufen zu Protest- und Gedenkveranstaltungen in den Bahnhöfen der Bundesrepublik sowie auf dem Schienennetz der Deutschen Bahn AG auf. Damit solle an die drei Millionen Deportierten erinnert werden, die während der NS-Zeit mit der Deutschen Reichsbahn in Arbeits- und Vernichtungslager geschleust wurden, heißt es in einem Aufruf zum 27. Januar, dem Auschwitz-Gedenktag. In Aachen ist am Samstag eine Gedenkveranstaltung ab 10 Uhr vor dem Hauptbahnhof geplant.

Nicht auf meinem Bahnsteig?

Hartmut Mehdorn sträubt sich. Der Chef der Deutschen Bundesbahn ist der Mann der starken Worte. Die Ausstellung über das Schicksal von 11.000 Kindern, die von der deutschen Reichsbahn aus Frankreich in den Tod der KZ transportiert wurden, will er in Deutschland nicht, so nicht und jedenfalls woanders erleben müssen. Herr Mehdorn riskiert öffentliche Konfrontationen mit dem Verkehrsminister, der Presse und einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit.

„Wir brauchen keine neue Ausstellung- wir haben eine“

So die Überschrift über einem Interview mit Mehdorn im November 2006. Er behauptet dort, die Bundesbahn - sie ist die Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn - habe sich „geradezu vorbildlich mit unserer Vergangenheit beschäftigt“. Bei der Hundert-Jahr-Feier der DB war die Darstellung der zwölf Jahre der NS-Zeit so „vorbildlich“, dass sie der Einfachheit halber ganz fehlte. Im Interview behauptet Mehdorn, dass eine Ausstellung auf Bahnsteigen oder in Bahnhofshallen scheitern müsse, weil das ein „Shock and go“-Konzept sei. Dabei sorgt Herr Mehdorn für so viel Wartezeit durch die ständigen Verspätungen der Bahn, dass viele Reisende durchaus Zeit hätten, in Ruhe zu schauen.

Entscheide ich…

Mittlerweile hat Mehdorn seine Meinung modifiziert. Eine Ausstellung soll jetzt doch ab Januar 2008 stattfinden können, jedoch nach seinen Vorstellungen von Vergangenheitsbewältigung. Im Interview erklärt Mehdorn, in Frankreich „gibt es eine ganz andere Geschichte des Umgangs mit der Erinnerung an den Holocaust“. Richtig! Deshalb wäre es im Land der Täter doch angebracht, von dem „Herr im Hause“- Standpunkt runter zu kommen. Mehdorn schließt sein Interview damit: „Die Deutsche Bahn behält sich das Recht vor, selbst zu entscheiden, wie wir mit der Vergangenheit verantwortlich umgehen.“

Was wir wollen

Wir, Einzelpersonen und Organisationen aus Aachen, wollen Herrn Mehdorn die Verantwortung für die Ausstellung abnehmen. Diese Verantwortung gehört in die Hände der Initiatoren und gewählter Politiker. Noch gehört die Deutsche Bahn dem Steuerzahler und sie wurde noch nicht gänzlich an private Konzerne verschenkt. Wir wollen nicht irgendeine Ausstellung von Mehdorns Gnaden. Wir wollen die Ausstellung über die Verschleppung von 11.000 Kindern sehen. Auf Frankreichs Bahnhöfen war das ohne Schwierigkeiten möglich. Den Kindern Namen und Gesicht wieder zu geben, ist eine wichtige Aufgabe der Auseinandersetzung mit den nazistischen Verbrechen. Warum gelingt es den verantwortlichen Politikern nicht oder in so geringem Maße, das Primat der Politik gegenüber dem Angestellten Mehdorn durchzusetzen?

Unsere Aktion ist ein Zeichen des Misstrauens gegenüber der Leitung der Deutschen Bahn, eine Aufforderung an die Politik, sich durchzusetzen und die Ausstellung über die 11.000 Kinder ohne Verwässerungen in die deutschen Bahnhöfe zu bringen, auch in Aachen.

(Flugblatt von Kurt Heiler, VVN/BdA und Horst Schnitzler, Stadtrat UWG/WASG)

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