Die letzte Vorstellung - längst eine Farce

Städte sind gewachsene Organismen, behutsame, durchdachte Veränderungen sind notwendig, um sie zu erhalten; bei Totaloperationen jedoch besteht die Gefahr, dass sie sterben. Eine Stadt, in deren Antlitz sich nicht mehr ihre Geschichte widerspiegelt, ist eine seelenlose Stadt, ein Ort, zu dem die Bewohner keine Verbundenheit mehr haben lediglich ein Platz zum Einkaufen, Parken und Arbeiten.
Vielen Städten ist es so ergangen man braucht nur an die Totalsanierung der Innenstadt Eschweilers Anfang der 1970er Jahre zu denken , und oft kam nach einigen Jahren der große Katzenjammer. Bis jetzt schien Aachen noch davonzukommen, doch unter den Veränderungen in den letzten Jahren droht die Stadt ihren individuellen Charakter zu verlieren, und das geplante Projekt im Adalbertsviertel zielt genau in diese Richtung.
Die Sache ist schrecklich, nicht nur weil das "Gloria" verschwindet, sondern weil man einen Teil der Stadt bis zur Unkenntlichkeit neusaniert. Die Poster mit Abbildungen der geplanten Shopping-Mall und der kleine Werbefilm auf der Webseite (www.kaiserplatzgalerie.de) verheißen nichts Gutes: ein Glasgebäude auf mehreren Ebenen mit Esprit-Shop neben dem Benetton-Laden.
Einen eigenen Charakter kann man nicht erkennen. Das Ganze wird gerechtfertigt mit dem Argument, dass ja was in dem Viertel getan werden muss. Ein Viertel, das man vorher jahrelang vernachlässigt hat ebenso wie das "Gloria", dieses waidwunde Flagschiff alter Kinoarchitektur bis nur der Totalabriss als machbare Alternative übrig blieb.
Von behutsamer Städteplanung keine Spur. Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich bemühte, den Charakter der Viertel und Plätze zu erhalten und trotzdem den modernen Bedürfnissen anzupassen. Vorbei die Zeiten, in denen der Hansemannplatz oder die Hotmannspief durch Straßenveränderung in für Passanten nutzbare Plätze verwandelt wurde, vorbei die Tage, in denen alte Fabriken in der Innenstadt in Kulturzentren oder Wohnanlagen umgebaut wurden und sich harmonisch in vorhandene Strukturen einfügten, vorbei auch die Zeiten, in denen man versuchte, durch Park-&-Ride-Systeme den Autoverkehr aus der Stadt herauszuhalten und die Menschen dazu zu bringen, vom Privatwagen zu öffentlichen Verkehrsmitteln zu wechseln.
Ein Riesenparkhaus soll es Kaufwilligen ermöglichen, mit dem Privatwagen direkt in das Center zu brausen und ebenso schnell die Stadt wieder zu verlassen. (Einem Bericht der hiesigen Presse ist zu entnehmen, dass 600 Parkplätze von den Planern noch als zu wenig angesehen werden.)
Vorbei die Zeit der bewohnerorientierten Stadtplanung, in der die Stadt selber noch einen Willen zur Gestaltung erkennen ließ. Investoren bestimmen die Stadtplanung die Stadt selber scheint weder den Mut noch die Kraft und vielleicht auch nicht mehr die Ideen zu haben, das Stadtbild zu erhalten und behutsam zu verbessern.
Dass in diesem Vakuum Geschäftsleute als die großen Stadtplaner agieren wer mag ihnen das verübeln?
Sollten wir nicht dem "Bavaria" nachtrauern und der ehemaligen Vielschichtigkeit des Holzgrabens? Sollen wir begeistert sein, dass nun auch das "Gloria" verschwindet, ein Haus, das über mehrere Jahrzehnte neben St. Adalbert schillernd die Besucher der Stadt begrüßte, mit dem mehrere Generationen Erinnerungen an die Welt des Kinos teilen? Was hätte man alles mit diesem Kino machen können es hätte das kulturelle Herz des Kaiserplatzes werden können; ein Zentrum für das Viertel. Verbunden mit einer behutsamen Sanierung der Immobilie hätte der Kaiserplatz die Chance gehabt, sowohl traditionelles, als auch schickes Eingangstor der Innenstadt zu werden verdient gehabt hätte er es.
Aachen wird irgendwann aussehen wie alle anderen Städte. Der Charme der Kleinstadt an der Grenze, die dazu einlädt, durch sie zu schlendern und Unerwartetes zu entdecken, wird bald vorbei sein. Vielleicht ist das ja das Ziel des Menschen im digitalen Zeitalter. Keine Unterschiede mehr spüren, überall die gleichen Läden, die gleichen Glaspaläste, die gleichen Shoppingcenter mit ihren bunten Cafés, in denen man die gleiche kaffeeähnliche Brühe aus Pappbechern trinkt, und die gleichen Kinos, in denen man die gleichen Filme sieht. Das "Gloria" gab es nur einmal, Shopping-Malls gibt es unzählige.
Quelle: Filmraum West e.V.
Foto: Carl Brunn



