Zur Ermordung des türkisch-armenischen Schriftstellers Hrant Dink
Am Freitag, den 19 Januar 2007 wurde der türkisch-armenische Schriftsteller [[Hrant Dink]] in Istanbul von einem islamisch-nationalistischen Jugendlichen auf offener Straße erschossen. Hrant Dink war als Herausgeber der ersten türkisch-armenischen Wochenzeitung Agos seit Jahren Zielscheibe der türkischen Justiz, die den Völkermord an den Armeniern unter der jungtürkischen Regierung überwiegend leugnet.
Während der Trauerfeier am 21. Januar begleiteten überraschenderweise mehr als 100.000 Menschen den Sarg mit Sprechchören Wir alle sind Armenier. Deutet sich hier ein Stimmungswechsel in der türkischen Gesellschaft an?
Die Ermordung Hrant Dinks
Bereits am 26. April 2004 schrieb die Frankfurter Rundschau über Hrant Dink und seine Zeitung:
Die Zeitung und ihr Herausgeber Hrant Dink sind türkischen Nationalisten offensichtlich ein Dorn im Auge. Ende Februar demonstrierte eine Gruppe vor der Redaktion und skandierte Entweder du liebst dieses Land, oder du verlässt es' Der 50-jährige Dink und seine Mitarbeiter erhielten Morddrohungen, weil Agos darüber berichtet hatte, dass die Atatürks Adoptivtochter möglicherweise Armenierin gewesen sei."
Trotz dieser international bekannten Morddrohungen wurde dem 52-Jährigen nicht nur Polizeischutz verweigert. Unzählige Male stand er ebenso wie der türkische Literaturnobelpreisträger [[Orhan Pamuk]] wegen Beleidigung des Türkentums" vor Gericht und wurde deshalb zuletzt zu einer halbjährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.
Die jetzige Ermordung durch einen fanatisch aufgepeitschten Jugendlichen ist im Kontext des nationalistisch aufgeladenen Wahlkampfes um das Amt des Staatspräsidenten im Mai zu sehen. Um so erfreulicher ist die massive Beteiligung an der Trauerfeier Hrant Dinks - in dieser Breite ein Novum in der türkischen Geschichte.
Deutschland und der Völkermord an den Armeniern
In den Jahren 1915/16 wurde ein Großteil der in der Türkei lebenden Armenier von der jungtürkischen Regierung zusammengetrieben und auf Todesmärschen in die syrische Wüste getrieben, wenn sie nicht vorher erschossen, erschlagen, gehängt oder ertränkt wurden. Mehr als die die Hälfte der armenischen Bevölkerung verlor dabei ihr Leben. Das deutsche Reich deckte diesen wohl ersten modernen und systematisch geplanten Völkermord; deutsche Verbindungsoffiziere und Generäle hatten den operativen über die Armee ihres Kriegsverbündeten und mischten bei der Planung und Durchführung der Deportationen mit" (Christian Schmidt-Häuer). "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber die Armenier zugrunde gehen oder nicht" wird der damalige Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg zitiert.
Heute wird der Massenmord an den Armeniern von den meisten Historikern als Völkermord eingestuft, so auch vom Europaparlament in einer Erklärung vom Juni 1987. In Frankreich passierte am 12.10.2006 ein Gesetzesentwurf das Parlament, der seine Leugnung, analog der Holocaust-Leugnung, unter Strafe stellt. Der deutsche Bundestag verabschiedete 2005 eine Entschließung, die die türkische Regierung auffordert sich ihrer historischen Verantwortung an den Massakern zu bekennen - der Begriff Völkermord wird jedoch peinlich vermieden. Als das Land Brandenburg als erstes und einziges Land in einem winzigen Klammersatz in einem Rahmenlehrplan für deutsche Geschichte vom Genozid an der armenischen Bevölkerung Kleinasiens" sprach, wurde dieser Satz nach Intervention des türkischen Generalkonsuls zunächst zurück gezogen - um schließlich in einer Auflistung mit anderen Völkermorden wieder aufzutauchen.
1995 zeichnete die Vereinigung amerikanischer Theaterkritiker das Drama Beast of the moon", das das Trauma des Völkermordes aus Sicht der Überlebenden behandelt, als bestes Drama aus. 2004 wurde es in Karlsruhe von den 17. Europäischen Kulturtagen abgesetzt - man wolle nicht die Türkei hier an die Wand nageln".
Der ZEIT-Redakteur Christian Schmidt-Häuer beklagt in seinem lesenswerten Artikel Wer am Leben blieb wurde nackt gelassen" das geringe Interesse deutscher Historiker am Thema selbst und insbesondere an der Mitschuld des deutschen Reiches.
Streit in der Linkspartei
In einem Interview mit der türkischen Tageszeitung Hürriyet" Anfang Januar sprach der Linkspartei-Abgeordnete im Bundestag Hakki Keskin von einem Pseudovölkermord" und einem armenisch-griechischen Bündnis, das im Rahmen einer gezielten Kampagne gegen ihn die Geschehnisse" instrumentalisiere. Keskin war zuvor Vorsitzender der türkischen Gemeinde in Deutschland gewesen. Besonders pikant: Er wurde von der Linkspartei in einer Kampfkandidatur gegen die Kandidatin der Berliner WASG Renate Herranen auf Platz vier der Landesliste gewählt. Er vertritt heute auf dem Ticket der Linken" in der Armenierdiskussion" die Linie des türkischen Staates. Für die Berliner WASG schaffte es niemand in den Bundestag.
Das damalige Vorstandsmitglied und Pressesprecher der WASG im Bund, Murat Cakir, fordert den Austritt Keskins aus der Fraktion und schreibt:
Und ich bereue es heute zutiefst, damals als Mitglied des Bundesvorstandes der WASG mich nicht vehementer für die Verhinderung dieser Kandidatur eingesetzt habe. Aus Rücksichtnahme auf den Neuformierungsprozess der politischen Linken in Deutschland habe ich mich, wie viele andere Genossinnen und Genossen, zurückgehalten. Doch jetzt muss ich einräumen, dass dies eine falsche Rücksichtnahme war. Das tut mir außerordentlich leid und ich entschuldige mich bei denen, die mich für diese Zurückhaltung scharf kritisiert haben."
Während Oskar Lafontaine meint, Historische Tatsachen muß man akzeptieren und nicht darüber diskutieren", es aber bei einer Ermahnung" belässt, verteidigt der Fusionsbeauftragte Bodo Ramelow seinen türkischen Kollegen, der sich in der Rolle als Vertreter der Türken in Deutschland treu bleibt".
Fazit
So furchtbar die Ermordung von Hrant Dinks auch ist, die große Resonanz bei seiner Beerdigung und die anschließende Diskussion bieten auch die Chance aus dem völkisch-nationalistischen Delirium auszusteigen. Es waren nicht die Türken", die die Armenier" beinahe ausrotteten, es war der türkische Nationalstaat in einer bestimmten kriegsbedingten Entwicklungsphase unter Beteiligung des deutschen Militärs, die den Genozid zu verantworten haben. Das hat sehr viel mit dem spezifischen Weg des türkischen Kapitalismus und seiner geostrategischen Lage zu tun, aber herzlich wenig mit bestimmten Eigenschaften bestimmter Völker".
Wer meint in Kategorien der Beleidigung des Türkentums" zu urteilen oder sich fanatisieren zu lassen, ist nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Allen voran in Deutschland ist es nötig, die kriminelle Rolle der deutschen Militärs schonungslos aufzudecken und das ganze Kapitel endlich in die Geschichtsbücher einzufügen. Es ist ein Trauerspiel, dass die Linke im Bundestag mit Hakki Keskin hier wahrlich keine Vorreiterrolle spielt.



