„Postautistische“ Ökonomie notwendig

Veröffentlichungsdatum Geschrieben von Maggy Origer und Andrej Hunko

Image
Prof Karl-Georg Zinn, Foto Walter Schumacher
Trotz dauerhafter Massenarbeitslosigkeit und massiver ökonomischer Probleme wird an deutschen ökonomischen Instituten flächendeckend nur noch neoliberale Wirtschaftstheorie gelehrt. Alternative Wirtschaftstheorien - etwa der Keynesianismus oder Marxismus - finden kaum noch Erwähnung; eine Form der theoretischen Abschottung, des Autismus.

Einer der letzten Veteranen kritischer Wirtschaftstheorie, der mittlerweile emeritierte Prof. Karl-Georg Zinn, sprach am 24. Mai in Aachen auf Einladung des Marxlesekreises und der Fachschaft 7/1.

Der Autor des inzwischen in vierter Auflage erschienenen Buches „Wie Reichtum Armut schafft" konnte sich in der KHG über ein interessiertes und mit 70 Teilnehmern gut vertretenes und überwiegend junges Publikum freuen.

Neoliberalismus als moderne Religion

"Was wird heute unter Neoliberalismus verstanden", fragte Zinn einleitend. Seine Antwort: Der Neoliberalismus verbreite sich "subkutan", habe "Religionscharakter" und würde mittlerweile "flächendeckend gelehrt" als handle es sich um ein "Naturgesetz". Diese göttliche Legitimierung der herrschenden, ökonomischen Verhältnisse, die auf Adam Smith (18.Jh.) zurückgehe, verbirge sich heutzutage hinter der säkularen Sprache der Intoleranz gegenüber ihren Gegnern, bzw. dem "Glauben" an den Neoliberalismus und dem Herunterbeten seiner Glaubenssätze.

Als oberstes Gebot predige der Neoliberalismus die Forderung nach „Befreiung der Marktkräfte". Folge seien eine noch nie so lange anhaltende Massenarbeitslosigkeit in Deutschland. Und wenn auf diese über 15jährige Phase nun ein Aufschwung zu folgen scheint, so handle es sich kaum mehr als um eine 18 bis 24monatige Erholung.

Entstehungsgeschichte des Neoliberalismus

Im zweiten Abschnitt seines Vortrags ging es um einen ideengeschichtlichen Rückblick. Der Neoliberalismus habe sich entwickelt als Reaktion auf den "laissez-faire Liberalismus" der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, als die Wirtschaftsliberalen "ihre Fälle davon schwimmen sahen" - freilich unter Beibehaltung wirtschaftsliberaler Paradigmen.

In Bezug auf das Staatsverständnis sei der Neoliberalismus "indifferent" gewesen, sprich gleichermaßen kompatibel mit Demokratie oder Diktatur (wie Pinochet es in Chile ab 1973 bewies), und somit "opportunistisch konzipiert".

Hauptvertreter des aufkommenden neoliberalen Denken in Deutschland war Walter Eugen (Freiburger Schule). In den 30er Jahren gab es aber auch bereits Stimmen, die forderten, den Markt sich nicht selbst zu überlassen als sei er ein "Vollautomat" der sich von selbst reguliere. Es bedürfe vielmehr, so Alfred Müller-Armag (Kölner Schule) einer staatlichen Konjunkturpolitik, da der Markt sich eben nicht von selbst reguliere. Zinn war es in diesem Zusammenhang wichtig zu unterstreichen, dass Alfred Müller-Armag, der Erfinder der „Sozialen Marktwirtschaft" (mit einem großen "S"), seine Position keinesfalls als Reaktion auf den Nationalsozialismus entwickelt habe.

In den USA war der Neoliberalismus eine Reaktion auf den „new deal" Roosevelts, dem kollektivistische Züge unterstellt wurden oder gar protokommunistische. Es war dort in erster Linie der Journalist Walter Lippmann, der eine Langfriststrategie zur Rückgewinnung (neo)-liberaler Paradigmen einleitete. Auf seine Initiative wurde bereits 1938 ein Kolloquium in Paris abgehalten, dem 1947 die Gründung der Mont-Pèlerin-Gesellschaft folgte, einer Art Dachverband neoliberaler Denkfabriken, die bis heute tätig ist und Medien, Politik und Wissenschaft ideologisch unterwandert.

Keynes' Prognose

Im dritten und letzten Abschnitt seines Vortrag entwickelte Zinn seine Alternativen zum neoliberalen Modell. "Welche ökonomische Theorie ist die brauchbarste" frage Zinn einleitend. Brauchbar seien nur Theorien, die in der Lage sind Prognosen zu erstellen. Im Unterschied zum Marxismus und zum Keynesianismus würde der Neoliberalismus hier vollständig versagen.

Image
John Maynard Keynes
Zinn stellte nun eine wenig bekannte Schrift von Keynes vor, die dieser 1943 im Auftrag der britischen Regierung verfasst habe. Fragestellung: „Wie entwickelt sich die Beschäftigung längerfristig nach Kriegsende?".

Keynes unterscheidet in dieser Schrift drei Phasen: In der ersten Phase, während der Umstellung der Kriegswirtschaft auf eine Friedenswirtschaft, gäbe es Übernachfrage und damit Vollbeschäftigung. Die zweite Phase sei dann durch Hochbeschäftigung geprägt, die eine staatliche antizyklische Politik erfordern würde. In der dritten Phase würde schließlich aufgrund des technischen Fortschritts die Nachfragedynamik erlahmen mit der Folge neuer Massenarbeitslosigkeit.

Keynes empfahl als Gegenmassnahmen in dieser dritten Phase drei Instrumente: Gleichmäßigere Einkommensverteilung (um die Nachfrage insbesondere unterer Einkommensgruppen zu stimulieren), einen Ausbau des öffentlichen Sektors (da dieser weniger schnell gesättigt sei, wie der private) und schließlich Arbeitszeitverkürzung.

Nach diesem für Zinn prophetischen Modell befänden wir uns in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften längst in der dritten Phase - allerdings mit nationalstaatlich unterschiedlichen politischen Reaktionen. Während in Deutschland sei Jahrzehnten genau das Gegenteil der Empfehlungen von Keynes betrieben würde und die Probleme damit verschärft würden, folge etwa Schweden weitgehend den Empfehlungen Keynes'- und das mit Erfolg.

Vorbild Schweden

So zeige etwa ein Vergleich ökonomischer Kennziffern zwischen Schweden, Deutschland und den USA von 1994 bis 2004, dass Schweden mit Abstand am Besten abschneiden würde, sowohl nach innerkapitalistischen Kriterien, als auch nach sozialen und gesellschaftlichen.

1994-2004 BRD Schweden USA
BIP. Wachstum pro Kopf +14,1% +29,4% +23,4%
Lohnstückkosten, jährl. Veränderung -0,3% -2,4% -1,1%
Beschäftigung (Gesamtarbeitsstunden) -6,8% +4,9% +10,8%
Armut (human poverty index) 10,3 6,5 15,4
Erwerbsquote (Geringqualifizierte) 50,2% 67,5% 57,8%
Erwerbsquote (Frauen) 59,9% 71,8% 65,4%
Gini-Koeffizient 28,3 25,0 40,8
Staatsquote (2004) 47,0% 57,3% 36,4%
Abgabenquote (2004)
34,6%% 50,7% 25,4%
Stundenproduktivität +3,2% +6,6% +5,3%

So stiegen etwa Arbeitsproduktivität, BIP und Beschäftigung dort am stärksten, während Armut und Staatsverschuldung am wenigsten ausgeprägt und die gesellschaftliche Verteilung am gleichmäßigsten sei. Aber trotz vermeintlicher Globalisierung, der ein Land mit 9 Millionen Einwohnern wesentlich stärker ausgesetzt sein müsste, als Deutschland mit 80 Millionen, würde die hohe Steuerquote in Schweden nicht zur Abwanderung des Kapitals führen.

Zinn sparte nicht mit scharfer Kritik an der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik in Deutschland, die den kranken Patienten so weit schädige, dass selbst eine vernünftige Therapie zunächst nicht zur Gesundung führe, sondern nur palliativ sein könne.

In der anregenden Diskussion wies ein junger Ökonom auf das internationale Netzwerk für eine Postautistische Ökonömie, das vor einigen Jahren von französischen Wirtschaftsstudenten gegründet wurde und seitdem an Einfluss gewinnt. Ein kleiner Hoffnungsschimmer angesichts der doch recht pessimistischen Bestandsaufnahme der ökonomischen Zunft von Prof. Karl-Georg Zinn.

Buy cheap web hosting service where fatcow web hosting review will give you advices and please read bluehost review for more hosting information.
Free Joomla Templates designed by Web Hosting Top